Ungebundene Religiosität 

  

                                   von Guenther Dewindinat  

(1) Zum Anfang

      (2) Der Gott der monotheistischen Religionen

      (3) Organisierte Religion als spaltende Kraft

       (4) Glaubensfixierung verhindert Verbrüderung

      (5) Ungebundene Religiosität

       (6) Buddha und Jesus

        (7) Nächstenliebe versus Verdammung

       (8) Biblischer Ursprung des Antisemitismus

        (9) Jesu Hinrichtung ein Opfertod?

      (10) Willensfreiheit

       (11) Warum Menschen an Religion hängen?

 

(1) Die Beeindruckbarkeit durch etwas Mystisches, das Staunen und fragende Suchen nachdem wer wir sind ist der Anfang des Religiösen, des Philosophischen und der Kunst. In diesem Stadium sind sie noch nicht getrennt. Die Trennung kam erst, als das religiöse Empfinden sich zu einem bestimmten oder organisierten Glauben verfestigte, der sich wie Ideologie nicht infrage stellen ließ. Irgendwann hatte ich es satt mir Religiosität absprechen zu lassen, bloß weil ich den Gott der monotheistischen Religionen für eine menschliche Erfindung halte. Denn nicht jeder, der sich zu keiner organisierten oder vorgegebenen Religion bekennt, ist deshalb areligiös. Er ist kein Anhänger einer bestimmten Religion, kann aber dennoch empathisch gegenüber anderen und empfänglich für die Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen sein. Ich unterscheide zwischen den Religionen (Glaube an ein Buch, Fixiertheit) und ungebundener Religiosität (Ganzheitsempfinden). Religionen sind erstarrte Religiosität, etwas totes, vergleichbar mit Eis und fließendem Wasser. Ich verwende den Begriff im Sinne von Humanität oder Sensitivität gegenüber einem größeren Ganzen. Man könnte natürlich auch Spiritualität sagen, ziehe aber Religiosität vor, weil sie neben bloßer Geistigkeit auch Emotion und Sinnlichkeit einschließt. Religiöses Empfinden und der Glaube an Religionen sind für mich zwei völlig verschiedene Dinge.

Etikette wie Atheist oder ungläubig beinhalten Diffamierung und tragen nicht zum Verständnis der Fronten bei. Ich bevorzuge "nicht-gläubig" statt ungläubig, denn letzteres beinhaltet moralische Bewertung, die hier nicht hingehört. Atheismus (Welterklärung ohne Gott) hört sich nach Aufstand an, nach etwas das man nicht darf, obwohl sich Atheisten mit dem Thema Gott meist intensiver auseinandergesetzt haben als gewöhnliche Gläubige. Agnostiker ist milder und, weil weniger bekannt, nicht negativ besetzt. Für Agnostiker ist die Frage ob es einen Gott gibt oder nicht letztlich nicht eindeutig zu klären. Mit dem können auch viele Gläubige leben, weil Glaube keine rationale Gewissheit braucht. Der Unterschied ist nur, letztere wünschen sich einen Gott. Sie glauben sozusagen an den Glauben.

 



 

Monotheistische Religionen sind die jüdische, Christentum und Islam. Obwohl sie alle Ihren Gott von der jüdischen Tradition geerbt haben, glauben sie dennoch der jeweils ihre sei der einzig wahre. Fernöstliche Religionen sind weniger anfällig für Absolutheitsansprüche, mögen aber auch ihre Schattenseiten haben. Hinduismus ist ein Sammelbegriff verschiedener Traditionen und Götterverehrungen, keine einheitliche Religion die auf einen bestimmten Stifter zurückgeht. Neben Yoga, Karma und Wiedergeburt enthalten hinduistische Schriften (Upanishaden) die vielleicht tiefsten religiös-philosophischen Meditationen der Menschheit. Andere sogenannte Religionen wie die Schulen von Konfuzius, Lao-tse oder des Buddha sind eigentlich Weisheitslehren, da sie sich nicht auf einen Gott (Götter) oder einen Glauben berufen. 



Atheisten lehnen alles Übernatürliche (Gott, Götter, Magie, Unerklärliches) ab, weil es nicht mit den Naturgesetzen vereinbar ist. Sie sind aber deshalb nicht notwendig ohne Sinn für Menschlichkeit und Anstand. Empathie für das Leben und ein Zugehörigkeitsempfinden zu einem größeren Ganzen können Atheisten genauso haben oder nicht haben wie Gläubige. Aussprüche wie, wenn es keinen Gott gibt ist alles erlaubt (Dostojewski), lassen sich leicht widerlegen. Denn wer nur aufgrund göttlicher Autorität moralisch gut sein kann ist in Wirklichkeit überhaupt nicht gut. Er gehorcht bloß oder ordnet sich unter aus Angst vor Strafe. In der Bibel wird gut sein meist mit Belohnung im Jenseits beworben, was völlig falsch ist. Gut sein muss um seiner selbst willen erfolgen. Lohn als Motiv verfälscht es. Und Glauben an einen vorgegebenen Gott ist noch keine Versicherung gegen Unmoral. Viele Texte der sogenannten Heiligen Schriften lassen einen verwundern was mit einem Gott alles erlaubt ist. Der oft vorgebrachten Sichtweise Hitler und Stalin seien die Folge der Gottlosigkeit ihrer Zeit gewesen, kann man entgegnen, dass Gottesglaube noch nie Diktaturen und Kriege verhindert hat. Meist wurde er dem Stammesdenken (modern Nationalismus) bloß dumpf einverleibt, ohne Konsequenzen für ethisches Verhalten daraus zu ziehen. Von Gottes Gnaden, oder Gott mit uns hießen dann die Parolen. Natürlich ist Atheismus allein noch kein Garant für ethisches Verhalten, ebenso wenig wie es bloßes Berufen auf einen Gott ist.



Agnostiker halten die Frage ob es einen Gott gibt oder nicht für unbeantwortbar, weil man es weder beweisen noch widerlegen könne. Das darf aber nicht so platt aufgefasst werden, dass es eine unveränderliche Wahrscheinlichkeit von 50% in beide Richtungen gäbe, und man es deshalb offen lassen müsse. Das wäre keine Haltung, sondern bloß Denkfaulheit. Erinnert mich an die Pascal'sche Wette, die im Kern besagt, im Zweifel sei es klüger an Gott zu glauben, denn gibt es ihn erwartet einen Gewinn (Seligkeit, Himmel). Gibt es ihn nicht, dann hätte man nichts verloren. Wenn man aber nicht glaubt und es gibt ihn, dann sei man verloren (Verdammnis, Hölle). Im Grunde wird hier nichts bewiesen. Seine Argumentation zeigt nur, dass man aus geglaubten Voraussetzungen keine zwingende Logik basteln kann. Auch würde niemand seinen Glauben so profan Kosten-Nutzen orientiert begründen wollen. Man könnte fragen, würde man wirklich nichts verlieren, wenn man an ihn glaubt und es ihn nicht gibt? Man denke an unnötige Ängste, an die Unterdrückung von Lebensfreude aufgrund von Dogmen und die verlorene Zeit dadurch. Und was soll man von einem Gott halten der sich durch einen unaufrichtigen oder taktischen Glauben täuschen lässt?

Die Wissenschaft vertritt mehrheitlich den Standpunkt, die Nichtexistenz Gottes ist plausibler, weil für seine Existenz eine starke, nachprüfbare Evidenz fehlt. Von der Kirche ist bekannt, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse die nicht in ihr Weltbild passen solange bekämpft, bis es nicht mehr möglich ist sie zu leugnen ohne sich zu blamieren. Die bekanntesten Beispiele aus der Geschichte hierfür sind G. Bruno und G. Galilei. Bruno behauptete das Universum sei unendlich, auch zeitlich ohne Anfang und Ende und es gäbe in ihm unzählige andere Welten (einen Mittelpunkt sowieso nicht), die ebenso von intelligenten Wesen bewohnt sein könnten. Dem Klerus war das zu viel, vor allem weil er darin keinen Platz für die Schöpfung und das Jüngste Gericht sah. Und überhaupt wäre die Einzigartigkeit des Menschen und der Erde vor Gott aufgegeben. Für Bruno bedeutete dies lange Kerkerstrafe und schließlich den Tod auf dem Scheiterhaufen. Im Jahr 2000 wurde seine Hinrichtung vom Papst sehr spät als Unrecht erklärt, ohne ihn damit jedoch völlig zu rehabilitieren. Galilei kam noch einmal davon, weil er seine kopernikanische Aussage, die Erde drehe sich um die Sonne, nur als Hypothese, nicht aber als Tatsache vertreten durfte. Dem kann man zustimmen, wenn die Alternative lebenslanger Kerker oder gar Scheiterhaufen heißt. Er kam unter Arrest wurde aber wohl nicht gefoltert. Erst 1992 wurde er rehabilitiert.

(2) Der Gott der monotheistischen Religionen ist uns doch verblüffend ähnlich und entlarvt sich bei genauerem Hinsehen als aus unserer Denke entsprungen, als Projektion und Ausdruck früherer Obrigkeitsgläubigkeit. Ein weiser Mann, dem ich in meinen jüngeren Jahren manchmal lauschte, wurde einmal gefragt ob es stimmt dass Gott uns nach seinem Ebenbild schuf. Seine Antwort war: ich wünschte es wäre so. Da war für mich sofort klar, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der Gott der Bibel ist deshalb so eifersüchtig und rächend, weil die Menschen die ihn erfunden haben so waren. Ohne Menschen kein Gott und seine Zuschreibungen. Auch die positiven wie Barmherzigkeit und Liebe (das Soziale) sind ureigenste humane Inhalte die zuerst im menschlichen Bewusstsein waren bevor sie auf einen imaginären Übervater übertragen wurden. Es ist vor allem Gehorsam und Unterwürfigkeit, nicht etwa Einsicht, das diesem Gottesbild zu Grunde liegt. Es geht mehr darum es einem Gott recht zu machen als um das Gute um seiner selbst willen. Dass man nicht morden, lügen oder stehlen soll sind Grundvoraussetzungen humanen Zusammenlebens. Als Goldene Regel entstanden sie schon sehr früh in verschiedenen Kulturen. Was den Gott der Zehn Gebote nicht abgehalten hat mörderische Feldzüge gegen andere Völker anzuordnen. Soviel zum ethischen Vorbild des Bibelgottes. Die Behauptung der Bibel und des Koran, dass der Mensch von vorneherein schuldig sei vor Gott, will ihm vormachen, dass er erlösungsbedürftig (nur) in ihrem Kontext sei.

Einem Gott, der von den Menschen verlangt an ihn zu glauben, ihn zu verehren und zu lieben, müsste man einen Minderwertigkeitskomplex unterstellen. Ein Wesen mit solchen Abhängigkeiten wäre doch alles andere als vollkommen. Doch die schwerwiegendste Ungereimtheit bei diesem Gottesbild ist, dass der Erschaffer dieser Welt allwissend, allmächtig, allgütig und gerecht zugleich sein soll. Wäre er das, müsste er enorm krude sein, insbesondere im Hinblick auf Naturkatastrophen, Unfälle, Krankheiten, Kriminalität oder Armut. Dinge, die einem zustoßen, ohne dass man etwas dafür kann. Sollte er uns dies im Sinne von Strafe oder Rache angedeihen lassen müsste man ihm vorwerfen, erstens selbst nicht allgütig zu sein, zweitens keine kluge Schöpfung hervorgebracht zu haben. Einen Gott kann man nur lieben wenn man vorgibt ihn zu kennen, ihn personalisiert und für einen gütigen und sorgenden Vater hält. Wer das mag in Ordnung, jedem das Seine. Die Rechtfertigung eines solchen Gottes ist jedoch äußerst problematisch, was auch der eine oder andere Theologieprofessor heute zugibt, wenn er es auch nicht so laut sagt, um Maßregelung durch seine Kirche zu vermeiden. Darüber hinwegzusehen wurde jahrhundertelang von der Kirche als Glaubensstärke verkauft und die Leute sind damit sozialisiert worden. Unkritisches glauben an Bibelworte, dass das Hinterfragen schon Sünde sei, gilt heute vielen aufgeklärten Menschen zurecht als nicht mehr haltbar und antiquiert. Nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse der theologischen Bibelforschung selbst. Aber diesen Gott für erfunden zu halten bedeutet für mich nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten, das heißt gar nichts Geheimnisvolles mehr gelten zu lassen. Für mich haftet dem Ganzen trotzdem ein Zauber an. Denn das Sosein der Welt bleibt auch dann ein Geheimnis, wenn man seine Entstehung restlos rational erklären kann. Beispiel: Obwohl wir chemisch-physikalisch genau wissen wie sich Feuer, Wasser und Luft zusammensetzen, bleiben sie doch durch unsere Sinne letztendlich geheimnisvoll, beinhalten einen Zauber. Die bloße physikalische Erklärung von Feuer ist nicht Feuer.  

Dass aber ein Gott für viele Menschen die Geborgenheit suchen zu wirken scheint, ist auch wahr, denn er kann beruhigen (Placebo?). In meiner Jugend gab es eine Phase wo mir das sehr vertraut war. Aber irgendwann bin ich dann vom bloßen Glauben zum Hinterfragen gekommen. Wenn ich auch heute die Gottesvorstellung der monotheistischen Religionen für mich ablehne, kann ich dennoch den Glauben eines anderen respektieren, sofern mir dieser nicht aufgezwungen wird oder sonstwie der soziale Friede darunter leidet.

 

 

 

 

Zusammenfassung meines Standpunkts: Die Frage nach Gott ist für mich zunächst die Frage, was verstehe ich darunter? Der Gott der monotheistischen Religionen kann es nicht sein, weil menschliche Eigenschaften auf ihn übertragen werden - und nicht die besten - die ihn eigentlich beleidigen müssten. Rächende, zürnende und rivalisierende Götter sind zu offensichtlich unsere eigene Projektion. Dies einzusehen ist schon der intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Ob es unabhängig davon eine Art mystischen Urgrund gibt in den wir eingebettet sind und der uns etwas bedeuten will ist eine ganz andere Frage die tiefer geht und letztlich unbeantwortbar ist. Nur insofern bin ich Agnostiker. Jener Urgrund muss unabhängig von Religionen sein, denn diese sind begrenzt. Ob der Kosmos mehr ist als bloße physikalische Gesetzmäßigkeit, vielleicht ein lebendiger oder spiritueller Organismus ist eine uralte Frage, die sensible Menschen immer beschäftigt hat und beschäftigen wird und sich durch bloße Messbarkeit nicht entkräften lässt. Der Urknall ist schließlich nur eine wissenschaftlich verbrämte Fiktion, bestenfalls ein Erklärungsmodell, doch unmöglich zu beweisen dass dies vor unvorstellbaren Zeiten so stattgefunden haben soll oder muss. Denn die Frage was war davor bleibt immer. Insofern ist er auch nicht glaubwürdiger als die biblische Schöpfungsgeschichte. Beide gehen ja von einem Anfang aus. Eine andere Option wäre ein Kosmos ohne Anfang und Ende, was ich am wahrscheinlichsten halte. Alles andere liefe auf einen endlosen Regress hinaus. Und ein Schöpfergott ist ohnehin nur wichtig wenn man ihn außerhalb des Kosmos denkt. Auf diesen Widerspruch hat schon Giordano Bruno hingewiesen.

 

(3) Organisierte Religion spaltet und trennt, wenn sie mit Absolutheitsanspruch (Ausschließlichkeit) auftritt. Warum? Weil sie die Menschen separiert und gegeneinander aufbringt anstatt sie zu verbrüdern. Nur mein Glaube gilt, zeichnet Ideologien aus und führt notwendigerweise zu Konflikten oder Gewalt. Deshalb wird die Aussage Religion wird nur missbraucht dem Problem nicht gerecht. Wer religiöse Dogmen wie wertvolle Kunstwerke vor Berührungen schützen will, tut den Menschen die sich von ihnen emanzipieren wollen keinen Gefallen. Denn er ignoriert, dass sich Menschen weiter entwickeln können und wollen. Zumindest die Gebildeten unter ihnen. Daher ist es nötig zu erkennen, dass die Ansprüche der Religionen inklusive ihrer Heiligen Schriften von Menschen gemacht sind. Sie müssen herabgeholt werden auf den Boden, um sie der Kritik zugänglich zu machen. Ein weiteres Kennzeichen von Absolutheitsansprüchen ist auch immer das Fehlen von Humor, denn dieser bewirkt innere Lockerung (Entspannung) und ein sich selbst nicht so ernst nehmen. In ihrer organisierten Form kann Religion auch kein echtes Interesse an Meinungsfreiheit haben, denn die bedeutet ja auch Religionsfreiheit oder gar die Freiheit von Religion. Weshalb der Vatikan bis heute dazu neigt Meinungsfreiheit als Relativismus abzutun. Andererseits werden Werte wie Gleichberechtigung, Freiheit, Menschenrechte und Toleranz von der Politik gern als Errungenschaften des Christentums ausgegeben. In Wirklichkeit verdanken wir sie der Aufklärung, die sie gegen den Widerstand der Kirche erkämpfen musste.

 

(4) Glauben im Sinne einer Vermutung ist ganz normal. Unser Alltagsbewusstsein ist voll davon. Vermuten ist auch ein vorläufiger Standpunkt in der Wissenschaft, der noch nicht verifiziert ist. Dann ist da der religiöse Glaube, der mit Wunsch und Hoffnung einhergeht. Meistens erwächst er aus einer allgemeinen Sehnsucht nach Geborgenheit, insbesondere in der Kindheit und im Alter. Das ist menschlich und normal. Bedenklich wird religiöser Glaube aber, wenn er zur Glaubensfixierung mit Absolutheitsanspruch oder Ausschließlichkeit wird, was oben bereits mit Humorlosigkeit in Verbindung gebracht wurde.

 

Nehmen wir die Sache genauer unter die Lupe. Zwei Strenggläubige verschiedener Religionen (Vertreter der Ausschließlichkeit) können sich darin einigen strenggläubig zu sein. Weiter können sie nicht gehen ohne in inhaltliche Differenzen zu geraten. Könnten sie es, wäre ihnen ihr Glaube nicht so wichtig, er wäre austauschbar. Und das wäre genau genommen eine Relativierung der Gültigkeit beider Glaubensinhalte. Hebt sich da nicht etwas gegenseitig auf? Der logische Schluss müsste dann lauten: Warum überhaupt an eine glauben? Käme es zu einer solchen Einsicht, was leider nur selten vorkommt, wäre das eine wahre Verbrüderung. Warum? Beide würden sich der Kontraproduktivität ihrer Glaubensfixierungen bewusst werden und sich von ihnen verabschieden. Das ist so schwierig weil Menschen sich aus anerzogenen, traditionellen Bahnen befreien müssten. Das gelingt nicht jedem und so bleiben die Fronten bestehen. Die tiefere Frage die sich hier auftut ist: Kann man religiös sein ohne Fixierung an einen Glauben, oder ist religiös sein an eine solche Fixierung gebunden? Ich denke nicht. Religiosität ist keine Vorstellungsfixierung, diese würde sie nur begrenzen. Sie ist vielmehr ein offen sein für ein größeres Ganzes. Was die Menschen trennt ist ja gerade diese Gebundenheit an und auch Begrenztheit eines fixierten Glaubens. Sie ist der Feind von Verständnis und Verbrüderung. Wenn sich jemand von dieser Fessel befreien kann ist er der Humanität näher, ohne Bindung an eine bestimmte Religion, Volkszugehörigkeit oder Beanspruchung einer Wahrheitsendgültigkeit.

 

 

 

 

(5) Ungebundene Religiosität dagegen ist kein Glaube im Sinne einer Fixierung an etwas, sondern eine Befindlichkeit. Es ist ein Ganzheitsempfinden. Eine Blume verliert nichts von ihrem Wundersamen, wenn man ihre Funktion und ihren Aufbau bis in die kleinste Zelle kennt. Ein anderes Beispiel dafür ist das Universum. Das Staunen über den unendlichen Raum. Dieses Unfassbare, das uns klein erscheinen lässt und trotzdem innerlich weitet. Es Gott zu nennen ist nur eine Möglichkeit aber nicht zwingend, und macht zudem auch nichts verständlicher. Auch der Entstehung des Lebens haftet etwas Geheimnisvolles an, selbst wenn man sie durch Evolution erklärt. Die wissenschaftliche Erklärbarkeit löst es nicht auf. Nicht zuletzt kann Kunst Zustände bewirken in denen wir direkter wahrnehmen als sonst. Man kann die Existenz von etwas Mystischem nicht pauschal ablehnen, denn es bleibt ein Geheimnis.

Erich Fromm hat einmal gesagt: "Gott ist für mich eine der vielen poetischen Ausdrucksweisen für den höchsten Wert im Humanismus und keine Realität an sich". Er nannte es auch 'Nicht-theistische Mystik'. Dem kann ich voll zustimmen. Das Zugeständnis an einen Zauber oder etwas Geheimnisvolles ist eine Form von Ehrfurcht die nicht das Ergebnis eines Gottesglaubens oder einer vorgegebenen Religion sein muss. Und ethisches Verhalten kommt von Empathie, die aus der Sensitivität des Einzelnen gegenüber anderen erwächst. Albert Einstein (ohne ihn vereinnahmen zu wollen), der nicht gottgläubig im jüdischen oder christlichen Sinne war, neigte ebenfalls zu einer Art ungebundenen Religiosität.

(6) Bei den als religiös bezeichneten Figuren ragen zwei weltweit heraus an denen auch Atheisten nicht einfach vorbei können: Buddha und Jesus. Sie eint, dass sie in verschiedenen Zeiten und Kulturen primär Empathie: Mitgefühl bei Buddha und Nächstenliebe bei Jesus, in den Mittelpunkt ihrer Botschaften stellten, die ethisch anspruchsvoll und schwierig umsetzbar sind. Buddhas Lehre ist mehr philosophisch und fragt nach den Ursachen des Leidens und deren Ausrottung und kommt ohne Gottesglauben, Schuld und Sünde aus. Bedürfnislosigkeit ist nur ein Beiprodukt seiner Lehre. Er wusste, dass bloße Askese ohne Einsicht in die Zusammenhänge in eine Sackgasse führt. Deshalb plädierte er für den sogenannten mittleren Weg. Zu seiner Lehre gehörte auch die vegetarische Ernährung, weil es für ihn selbstverständlich war keine Tiere zu töten. Vollendung nach ihm ist eine Art weise Heiterkeit, das Erlöschen von Begierden (Nirwana), das kein Leiden mehr erzeugen soll, weder für sich noch für andere. Aber nicht in einem Jenseits sondern im Hier und Jetzt. Das ist freilich genauso wenig garantiert wie die christlichen und islamischen Wonnen in einem Himmel, aber nachprüfbarer, weil im Leben stattfindend. Als Kloster-Buddhismus wurde aus seiner Lehre im Laufe der Zeit allerdings auch ein Glaube mit Ritualen und Zeremonien gemacht. Das hat damit zu tun, dass Botschaften sich verschleißen und zu Denkmustern erstarren.

 

Jesus geht vom jüdischen Gottesglauben aus, stellt jedoch Menschlichkeit über Gesetze (Sabbat). An einen richtenden und verdammenden Gott (Hölle) aber glaubt er noch. Beide haben selbst nichts zu Papier gebracht. Wir kennen ihre Lehren nur aus der Überlieferung ihrer Anhänger. Im Falle Buddhas ist das weniger problematisch, weil seine Botschaft konkrete Lehre ist und sich nicht auf einen Gott bezieht. Sie ist eigentlich ein Seminar über die Zusammenhänge zwischen Anhaften, Begehren und Leiden, mehr experimentelle Aufforderung als Aufruf zur Nachfolge. Während die Jesus-Überlieferung neben hoch ethischem Material auch Absurditäten wie gewisse Wunder, Opfertod, Auferstehung und eine apokalyptische Aussage enthält, die nicht eingetroffen ist. Nämlich das nahe bevorstehende Reich Gottes auf Erden. Erst Gott und dann seinen Nächsten zu lieben sind der Kern seiner Botschaft. Ob sein Gott entgegen dem jüdischen schon der Gott aller Menschen war ist unklar. Er war ja noch kein Christ. Für das neu entstehende Christentum war dann vor allem der gekreuzigte und auferstandene Christus des Glaubens wichtig, den der historische nicht kannte, nicht kennen konnte. Der leibliche geht uns nichts an, so Paulus. Über den historischen Jesus wissen wir daher nur sehr wenig. Aber wäre dieser detaillierter überliefert vorgelegen, hätten viele Missverständnisse, Widersprüche und unsinnige Dogmen gar nicht erst entstehen können. Die Schwierigkeit des Neuen Testaments besteht darin, dass es ein Mix aus möglicherweise echten Jesus-Worten und erst nach seinem Tod entstandenen Interpretationen über ihn ist. So hatte Jesus noch nicht gewusst oder gelehrt, dass er einen "Opfertod" stirbt, um die Sünden der Menschheit zu vergeben und dass dies ein gottgewollter Heilsplan sei. Seine Person war noch nicht Teil seiner Botschaft. Es ist ein theologisches Konstrukt des Paulus im Nachhinein. Im Umfeld des historischen Jesus gab es keine unabhängigen Gelehrten die ihn und seine Jünger hätten befragen können, um seine Dokumentation für die Nachwelt nicht nur den gläubigen Anhängern zu überlassen. Zeitgenössischen Historikern fiel er entweder nicht auf oder sie hielten es nicht für berichtenswert. Am wahrscheinlichsten ist, dass Jesus und seine kleine Truppe zu Lebzeiten nicht so bedeutend war wie aus späterer Sicht angenommen. Seine Hinrichtung war wohl kein so spektakuläres Ereignis, und er war danach auch nicht gleich ein Superstar. Seine Bedeutung und Popularität wuchs langsam über die Jahrzehnte, vor allem durch die Christologie des Paulus und des idealisierenden Johannesevangeliums.

Um Missverständnisse vorzubeugen, ich bin kein Anhänger oder Befürworter der Lehre Buddhas, in gleichem Maße wie ich mich nicht als Christ bezeichnen oder dafür werben würde. Ich bin der Ansicht, dass ethisch verantwortliches Handeln unabhängig von einer Religion oder einer bestimmten Lehre möglich ist. Menschen tun Gutes und Böses mit und ohne Religion. Schauen wir uns an was von ihren Botschaften vernünftig erscheint und was nicht. Buddha hat als erster erkannt, dass der Mensch nicht dadurch gut wird, dass er sich einer Religion oder einem Glauben verschreibt.  

Er empfiehlt (sinngemäße Übersetzung):

Glaube nichts, weil es alt ist, weil andere es glauben 

oder weil es geschrieben steht. Glaube auch nichts

auf bloßes Hörensagen oder weil es ein heiliger Man sagt.

Was nach eigener Erfahrung und Untersuchung
mit Deiner Vernunft übereinstimmt
und zu Deinem eigenen Wohle und Heile 
wie zu dem aller anderen Wesen dient,
das nimm’ als Wahrheit an und lebe danach.

Das ist eine klare Absage an bloßes Nachfolgen und zugleich eine Aufforderung oder Ermutigung zur Eigenständigkeit. Es ist auch das glatte Gegenteil der Botschaft von Glaubensreligionen, die die Menschen mit einer göttlichen Obrigkeit knechten wollen. Und er rät Hass mit Nicht-Hass zu begegnen, weil Hass immer Hass erzeugen wird. Das ist überraschend modern und ähnelt schon der Aufklärung des 18.Jahrhundert.

 

 

 

 

Ein kurzer Einschub über Karma, das ja auch immer mit Buddhas Lehre verbunden wird. Er hat es zwar modifiziert vom Hinduismus übernommen, maß ihm aber keine allzu große Bedeutung zu und wies zugleich darauf hin, dass Spekulieren mit Wiedergeburt egoistisch sei. Ein Kastenwesen lehnte er allerdings ab. Das Kastenwesen ist übrigens keine notwendige Folge von Karma. Es lässt sich aus ihm kein Zwang begründen, warum jemand nur einen bestimmten Beruf ausüben oder in einem bestimmten Milieu heiraten darf. Das sind gesellschaftlich auferlegte Zwänge. Das Karma-Gesetz besagt, jedem widerfährt das, was er aufgrund früherer Leben verdient hat in Form einer Art Rahmenbedingung oder Lektüre in seinem aktuellen Leben, die er zu bewältigen hat. Je nachdem, wie er damit umgeht (und das ist das Wesentliche), erwartet ihn in einer nächsten Inkarnation eine dementsprechend modifizierte Ausgangslage. Es ist also kein bloßer Fatalismus, wie oft gefolgert wird, weil es auf das Verhalten des Einzelnen ankommt. Irgendwie logisch, denn sonst wäre Karma ein sinnloser Kreislauf ohne Veränderungsmöglichkeit. Schon deshalb muss das Kastenwesen ein Missverständnis sein. Die Verbindung des Individuums zu seinen verschiedenen Leben bleibt allerdings unklar. In den buddhistischen Schriften heißt es, der Wiedergeborene ist nicht dieselbe Person noch ein andere, es ist bloße Kontinuität in anderer Form. Wie der erwachsene Mensch nicht mehr dieselbe Person ist, die er als Baby war, aber auch keine andere. Bei letzterem leichter nachvollziehbar als bei den verschiedenen Leben. Erwachsene können sich bis in ihr Kindesalter zurückerinnern, nicht aber an ein früheres Leben.

 

Die Frage, die Karma aufwirft ist, gibt es einen vorbiologischen Ursache- und Wirkungszusammenhang der bestimmt, warum ich gerade in diese und nicht in eine andere Situation hineingeboren wurde (genetisch, geografisch, sozial)? Zu dieser Frage haben wir keinen Zugang. Und es einfach zu glauben hätte keine Bedeutung, selbst wenn es wahr wäre. Das ist übrigens mit allen religiösen Inhalten so. An etwas glauben kann beruhigen oder trösten, aber es ist deshalb noch nicht unbedingt eins mit mir, sondern meist noch eine Vorstellung an die ich glaube. Eine alte Weisheit besagt, dass der Unterschied  zwischen Glauben und Wissen in der Unio Mystica aufgehoben ist, weil kein Ich mehr da ist. Echte Mystiker glauben nicht an etwas, sie sind es. Das mag auf einige wenige zutreffen,  aber für die allermeisten von uns liegt das außerhalb ihrer Reichweite. Als ich in meiner Jugend zum erstenmal von Karma hörte, kamen mir diese Ideen gerechter und moderner vor als das christliche Schuld- und Sühnedenken. Denn Karma wäre reine Ursache und Wirkung und würde einen personal gedachten Gott, der nach menschenähnlichen Kriterien bestraft und belohnt, erübrigen. Heute sehe ich darin eher Schwierigkeiten. Denn es wäre zutiefst anmaßend und zynisch jemand vorzuhalten, ja bloß daran zu denken, was ihm jetzt widerfahre, sei die Ernte eines (seines) früheren Lebens. Man denke an Unfälle, Naturkatastrophen, Armut, Krankheiten, Behinderungen. Oder gar an den Holocaust, der von rechtslastigen Esoterikern tatsächlich als Folge früherer kollektiver Untaten der Juden hingestellt wurde. Das ist besonders perfide und geht gar nicht. So gerecht Karma auf den ersten Blick erscheint, so problematisch ist es auf den zweiten. Abgesehen davon ist Wiedergeburt wie ein Leben nach dem Tod eine Kategorie des Glaubens. Und da kein Mensch sich an ein etwaiges Vorleben erinnern kann, macht Wiedergeburt als Wunschziel auch keinen Sinn.

(7) Jesus selbst hielt sich wohl nicht für göttlich, geschweige denn für Gottes Sohn. Vor allem aber wird ihm ein Opfertod fremd gewesen sein. Seine Nächstenliebe meint mehr oder weniger dasselbe wie Buddhas obiger Rat, doch unglücklicher formuliert. Liebe deinen Nächsten und sogar deine Feinde wie dich selbst ist eine Maximalforderung in Befehlsform die so hochgehängt ist, dass ihr niemand völlig gerecht werden kann. Stets jeden so zu lieben wie sich selbst ist eigentlich unmöglich, gleicht einer Fußabstreifer-Mentalität und brächte einen zudem in Gefahr ausgenützt zu werden. Das Rigorose dieser Forderung macht sie unpraktikabel. Seien wir ehrlich, realistisch ist es doch seinen Nächsten zu respektieren und zu achten, das ist schon viel und gelingt nicht jedem. Da ist mir der Rat auf Hass nicht mit Hass zu antworten bescheidener und machbarer. Ich gehe aber nicht so weit zu sagen, dass seine Nächstenliebe nur seinem eigenen Volk galt, also gar keine universale Botschaft war. Es gibt Jesus-Worte die das vermuten lassen, aber auch andere die dagegen sprechen. Ich traue ihm zu sie universal gemeint zu haben. Er kommt aber mit sich in einen Widerspruch wenn er gleichzeitig an Hölle und Verdammung durch scharfes Gottesgericht glaubt, weil er damit die Barmherzigkeit und Güte seines Gottes untergräbt. Denn er glaubte ja an ein nahe 

bevorstehendes Reich Gottes auf Erden, was immer dies auch bedeuten mochte. Tatsache ist, es kam nie. Er irrte sich hier offenbar. Zum Glück, kann man da nur sagen, denn das hätte vermutlich ein entsetzliches Richten bedeutet. "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden", lässt Markus seinen Jesus verkünden. Nur wenige sind auserwählt. Die Böcke werden von den Schafen getrennt, die ersten kommen in die Hölle (anscheinend für alle Ewigkeit), die anderen ins Himmelreich, sagt er bei Matthäus. Die Verkündung einer so harten Gerichtsbarkeit beißt sich wie schon gesagt mit dem Attribut Gott ist die Liebe und seiner eigenen Nächstenliebe, geschweige denn Feindesliebe. Anders- und Nichtgläubige, was heute unter Meinungsfreiheit und Toleranz fallen würde, werden demnach für ewig gerächt. Was hier bestraft wird ist weniger moralisches Fehlverhalten gegenüber dem Mitmenschen als der Ungehorsam gegenüber einem vorgegebenen Gott, was schon im Alten Testament die Hauptsache war. Aber auch ein sogenannter Heide ist zum gut sein befähigt und hat keine Verdammung per se verdient. Ein rächender und verdammender Gott, der Gehorsam verlangt, ist kein brauchbares ethisches Vorbild. Was würde denn Verdammung und Errettung für heutige Gläubige mit Blick auf Nicht- oder Andersgläubige bedeuten? Ich denke Unsicherheit oder Verlegenheit statt Freude wäre die Antwort, weil sich keiner sicher sein kann wo er am Ende landet. Errettung ist nirgends garantiert. Auch der zutiefst Gläubige kann sich nie ganz sicher sein. Ob Glaube oder Nichtglaube eine belohnende oder bestrafende Auswirkung in einem Jenseits haben ist eine bloße Annahme, die zum Teil auf Ängsten, zum Teil auf der Sehnsucht der Menschen nach einem Weiterleben nach dem Tod, einer überdauernden Seele, beruht. Das ist verständlich, denn wir können uns schwer damit abfinden einfach nicht mehr zu sein. Es ist in unserer Denke nicht vorgesehen. Es kann kein Nichtsein denken. Doch tatsächlich stirbt mit dem Körper (muss mit ihm enden) auch mein körpergebundenes, sinnliches Bewusstsein, ohne das ich gar nichts empfinden kann. Die Annahme auch ohne Gehirnfunktion und Nerventätigkeit, sprich Körper, noch Freude und Leid empfinden zu können ist doch viel unwahrscheinlicher als nicht mehr zu existieren. Ewiges Leben in Glückseligkeit ist verständliches menschliches Wunschdenken, weil auf Erden nicht möglich. Aber wer erlebt denn diese ewige jenseitige Glückseligkeit, wenn es sie überhaupt gibt? Ein Bewusstsein, wie wir es kennen, kann es jedenfalls nicht mehr geben. Eine körperlose Seele (ohne Bewusstsein!) mögen manche einer Nichtexistenz vorziehen, weil vermeintlich noch etwas übrig bleibt. Aber als geistiges Wesen ewig weiter zu bestehen, was die Religionen annehmen (Leben kann man es ja nicht mehr nennen), ist nicht unbedingt attraktiv und könnte sogar langweilig sein. Da fällt mir immer der Ausspruch ein, dessen Herkunft ich vergessen habe: Kann man in diesem Himmel auch essen? Wobei es eigentlich nicht ums Essen geht, sondern um den Sinn oder Unsinn einer ewigen Existenz als körperlose Seele oder Geistwesen. Und der Wunsch nach ewigem Leben, das Sehnen nach einem angenehmen Platz im Himmel, ist auch eine subtile Form von Egoismus. Vielleicht ist dieser von uns ersehnte Zustand ja identisch mit nicht existieren, wer weiß? "Ruhe in Frieden", steht auf vielen Grabsteinen und trifft intuitiv den Sachverhalt wahrscheinlich besser als ein irgendwie geartetes Leben nach dem Tod. Man könnte auch sagen, wenn man stirbt ist man wieder da wo man war bevor man ein Embryo wurde. In der Natur ist Sterben einfach ein Aufhören um etwas neues entstehen zu lassen. Die organische Substanz kehrt wieder in den Kreislauf zurück. 

Nun hat Jesus auch hoch ethisches von sich gegeben. Da fragt man sich, wozu er eigentlich noch diesen rächenden Gott braucht, wenn er selbst schon weiter ist? Die Geschichte von der Ehebrecherin etwa, mein Favorit bei Jesus, ist ein echter Aufruf zur Menschlichkeit. Wer fehlerfrei ist, um das Wort Sünde zu vermeiden, der werfe den ersten Stein. Hier geht es um Vergeben können und Einfühlungsvermögen in das Geschick anderer und vor allem um das Verhindern eines Mordes. Das ist wahre Humanität. Ihre Echtheit wird jedoch angezweifelt, weil sie in älteren Ausgaben des Johannesevangeliums nicht enthalten ist. Offenbar ein späterer Einschub. Diese barmherzige Jesus-Geschichte, die auch Nichtgläubige berührt, vielleicht bloß erfunden? Oder hat man sie nur weggelassen um Jesus nicht als Dulder des Ehebruchs aussehen zu lassen? Ob echt oder nicht, Hut ab vor dem der sie geschrieben hat. An anderer Stelle, etwa in der Bergpredikt, wird man schon wieder für ewig verdammt, wenn man nur dem Bruder zürnt oder die Frau des anderen begehrlich anschaut. Das ist zwar sittlich nicht perfekt, aber sind die Androhungen dem relativ geringen Vergehen angemessen? Die Evangelien sind Ergebnis mehrerer Überlieferungsschichten und zu einem gewissen Grad auch Glaubensbekenntnisse und Interpretationen der Evangelisten. Nicht alles was sie Jesus in den Mund legten mag er selbst so gesehen haben.

 






(8) Der einzig wertvolle Aspekt im Neuen Testament ist für mich die Vergebung gegenüber meinem Nächsten. Nicht durch einen Gott, denn was der mir vergibt kann ich nicht wissen, ist rein spekulativ. Vergeben können macht nur Sinn von Mensch zu Mensch. Obwohl Jesus dieses menschliche Vergeben etwa bei der Ehebrecherin praktiziert, was ihn barmherzig und sympathisch macht, hat sein Gott ein rächendes Endgericht im Visier, das auch er zu teilen scheint. Nach den Evangelien ist Jesus im Zwiespalt zwischen Nächstenliebe und hartem Gottesgericht. Ob das auf den historischen Jesus zurückgeht wissen wir nicht, weil er selbst keine Zeile verfasst hat. Alles was das Neue Testament sagt ist das, was hinterher geglaubt wurde. Also nicht unbedingt das, was sich historisch ereignete. Es hat aber auch noch etwas anderes bewirkt, was gerne übersehen wird. So haben herabsetzende Bemerkungen über Juden und das jüdische Volk folgenschwere historische Konsequenzen ausgelöst. Man kann sagen, die Wurzeln des europäischen Antisemitismus liegen im Neuen Testament. Schon Paulus wirft seinem Volk vor Jesus umgebracht zu haben (sicherlich geschah dies durch Menschen), lehrt aber zugleich, er sei nach einem göttlichen Heilsplan für unsere Sünden gestorben. Wer einen Widerspruch erkennt liegt nicht falsch. Vor allem aber ist es die Darstellung des Juden Judas, der in die Weltgeschichte einging als Verräter aus niederen Beweggründen, wegen ein paar Silberlingen, und auch noch so heißt wie sein Volk. Schon hier wird er mit Feilschen und Raffgier in Verbindung gebracht, spätere Hauptvorwürfe des Antisemitismus. Matthäus lässt im Zusammenhang mit der Hinrichtung Jesu das Volk brüllen: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder", auch Blutruf genannt, um den Wunsch der Juden zu bekräftigen Jesus zu kreuzigen. Eigentlich eine unverständliche, gegen sich selbst gerichtete Aussage, so sie denn überhaupt gefallen ist. Man trifft eine Entscheidung im Wissen dass sie Unheil über mehrere Generationen bringen wird. Der Masochismus lässt Grüßen! Der Ausspruch wurde später gern als Rechtfertigung für antisemitische 

Verfolgungen benutzt, weil er sich als Schuldgeständnis eignet. Und Johannes lässt seinen Jesus sagen ihr (die Juden) habt den Teufel zum Vater. Ob er das so sagte oder nicht, Fakt ist alle diese Worte dienten als Beweis, dass die Juden Christusmörder waren und führten im Mittelalter zunächst zu einem christlichen Antijudaismus mit teils makaberen Anschuldigungen. Besonders die Figur des Judas war prägend für den Judenhass. Juden war es untersagt ein normales Handwerk zu betreiben, nur Bankgeschäfte überließ man ihnen, weil es Christen verboten war Zinsen zu nehmen, diese aber auch nicht darauf verzichten wollten. Das ist der wahre Grund für die Etikette der Wucherei und der Raffgier, und nicht weil Juden diese Eigenschaften stärker verkörpert hätten als andere. Eine Gruppe an der man die negativen Aspekte des Geldhandels abladen konnte war gefunden, was bis heute geglaubt wird. Martin Luther rät in seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" (1543) schon zu ähnlichen Methoden wie die Nazis vierhundert Jahre später. Sein angeblich misslungener Versuch die Juden zu missionieren kann dafür keine Entschuldigung sein. Richard Wagner war musikalisches Genie und Antisemit aus Verherrlichung der germanisch-nordischen Mythologie. Will sagen das kam gar nicht nur von Vorurteilen ungebildeter Schichten. Zu Kaiser Wilhelms Zeiten neigten neben dem Militär auch weite Teile des gebildeten Bürgertums zu einem zumindest latenten Antisemitismus. Viele Juden waren damals erfolgreiche Geschäftsleute oder gehörten zu den führenden Köpfen in der Wissenschaft. Und sie waren Deutsche und bekannten sich auch dazu. Eine Mischung aus Antisemitismus und Neid herrschte gegenüber diesen Menschen. Man war unfähig sie als Teil der eigenen Kultur zu begreifen. Ohne diese unterschwellige Bereitschaft in großen Teilen der Bevölkerung wäre der Holocaust der Nazis gar nicht möglich gewesen, denn dazu brauchten sie tausende Mithelfer und viel mehr Mitwisser als nach der Katastrophe zugegeben wurde. Antisemitismus indessen ist bis heute ein Problem, weil einige noch immer meinen zwischen Juden und Nicht-Juden unterscheiden zu müssen. Immer noch kursieren Verschwörungstheorien und werden Sündenböcke für gewisse Entwicklungen gesucht. Doch ohne die oben erwähnten Bibelstellen hätte zumindest der europäische  Antisemitismus in diesem Ausmaß nicht entstehen können. Das wird gerne verdrängt, kann (darf) doch die heilige Schrift, die vielen als Gottes Wort gilt, nichts schlechtes enthalten oder bewirken. Aber die Bibel wurde von Menschen geschrieben und enthält auch manches Ungute. Der islamische oder arabische Antisemitismus ist dann noch eine andere Spielart obendrauf.

 

 



 
 
(9) Kommen wir zurück zu Jesus von dem nicht einmal klar ist für was er sich selbst gehalten hat. Vielleicht war er nur ein guter Mensch, moralischer Wegweiser (anstatt Gottes Sohn), und hitzköpfiger Prediger, Mahner zur Umkehr, was ihn ehrt, den einige für einen gefährlichen Aufrührer hielten, wodurch er sein Leben verlor. Nüchtern betrachtet wurde er von den Römern, seinen Landsleuten oder von beiden angeklagt und umgebracht. Also von Menschen und deren Ordnungsregeln. Dass dahinter ein göttlicher Plan stecken soll ist wohl eher ein Ausdruck der Verzweiflung plus religiöser Phantasie. Für die ersten Anhänger war es verständlicherweise schwierig sich einen Reim auf diesen frühzeitigen und unerwarteten Tod zu machen. Konnte oder wollte das Gott nicht verhindern, war er etwa nicht allmächtig oder nicht allgütig? Sie waren schockiert und verzweifelt. Es musste ein höherer Sinn gefunden werden der diese Zweifel überbrücken konnte. Diesen fanden sie (insbesondere durch Paulus, der als der eigentliche Konstrukteur des Christentums gilt) indem sie seine Hinrichtung als von Gott gewollt umdeuteten, um die Sünden der Menschheit zu vergeben. Ferner wurde seine (leibliche) Auferstehung hervorgehoben, die ihn als Überwinder des Todes und damit letztlich als Sieger in diesem Szenario darstellen sollte. Damit konnten sie leben und es ermöglichte überhaupt erst die Gründung eines Christentums, weil die Schmach Jesus sei gescheitert durch seine behauptete Auferstehung abgewendet und dem unverständlichen Ereignis ein Sinn gegeben wurde. Ohne diesen theologischen Überbau hätte er es nicht zum Erlöser der Menschheit gebracht und wäre nur einer der vielen eifernden Wanderprediger gewesen, die es damals gab. Seine Hinrichtung wäre dann kein Heilsgeschehen gewesen, sondern bloß das grausame Urteil von Menschen, das es in Wirklichkeit ja auch war. 
Man merkt diesem Konstrukt bis heute seine Geburt aus der Not an. Demnach hätte es keinen Schuldigen am Tod Jesu gegeben. Judas, das wütende Volk, der Hohe Rat und Pilatus wären dann nur Werkzeuge eines göttlichen Willens gewesen. Widersprüche werden in der Bibel hingenommen.

Aber was für eine Story wird uns da zugemutet! Ein Gott opfert seinen unschuldigen Sohn als Liebesakt an die Menschheit um deren Sünden zu vergeben. Was für ein Widersinn! Warum sollte denn ein Allmächtiger ein grausames Blutopfer benötigen um vergeben zu können, während Jesus selbst ein echtes Vergeben ohne Bedingungen lehrte? Hier handelt es sich offenbar um eine Anleihe der Menschenopfer aus archaischen Religionen. Nach dem Motto, Götter brauchen von Zeit zu Zeit ein Blutopfer um besänftigt zu werden. Ein Gott, sollte es ihn denn geben, müsste sich das eigentlich verbitten, denn es würde ihm eine primitive Persönlichkeitsstruktur unterstellen. Wären wir nicht über Jahrhunderte an diese Erzählung gewöhnt, würden wir sie sofort abscheulich finden und in den Bereich des Aberglaubens verorten. Wie überhaupt das von Kind auf einbläuen die Hauptursache der Hartnäckigkeit von irrationalen religiösen Überzeugungen ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht, ein grausames Blutopfer lässt sich nicht mit einem liebenden und barmherzigen Gott vereinbaren. Das ist das Problem, das auch keine noch so spitzfindige theologische Auslegung auflösen kann. Am wenigsten die, dass Gott die Menschen so sehr liebte, dass er sich selbst in Form seines Sohnes für sie hingab. Absurder geht es nicht mehr!  "Jeder Mensch von Vernunft (so ihn sein Glaube an deren Gebrauch nicht hindert) hält es für einen inakzeptablen Gedanken, dass Jesus vor zwei Jahrtausenden in seinem Kreuzestod Schuld und Strafe aller Menschen - der damals lebenden, der damals bereits verstorbenen und der künftigen, also auch der heutigen - auf sich genommen und beseitigt haben soll", so der Neutestamentler Werner Zager. Zitiert aus Rudolf Augsteins Jesus Menschensohn.

Fazit: Das historische Wirken Jesu endet mit seinem Tod. Alles was danach geschrieben und behauptet wurde ist Interpretation über ihn. Insbesondere die Deutung seiner Hinrichtung und die Auferstehungslegenden. Ich gehe nicht so weit zu sagen, Jesus gut Kirche schlecht, aber sie ist nicht identisch mit ihm, sie hat sich Jesus uminterpretiert und zurechtgemacht, denn er selbst hat keine Kirche gegründet. Vor allem aber war er kein Christ und konnte deren Reim über ihn nicht kennen. Trotzdem muss man ihm zugestehen, dass sein Auftritt einen nachhaltigen Effekt in der Welt hinterlassen hat. Aber hat das Christentum die Welt besser gemacht? Meine Antwort hierauf ist zögernd. Man ist schnell dabei das karitative Engagement und die Kunst der Kathedralen zu loben. Das ist auch gerechtfertigt. Doch die autoritären Herrschaftsansprüche, Glaubenskriege, blutigen Missionen an fremden Völkern, Ketzer- und Hexenverbrennungen und das Behindern und Verurteilen eigenständigen Denkens über die Jahrhunderte, wiegen schwer. 

 

(10) Gibt es einen freien Willen? Je tiefer man in diese Frage eindringt, desto schwieriger wird sie. Schon deshalb, weil nicht klar ist, von was ein freier Wille eigentlich frei sein soll. Ein völlig akausaler (ursachefreier) Willensakt ist eigentlich ein Unding. Was wir im Alltagsleben unter freiem Willen verstehen ist gefühlte Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Sie wird als ausreichend wahrgenommen, was sie auch ist, denn wir kennen nichts anderes. Doch das Thema ist philosophisch betrachtet komplexer. Hätte ich mich vor zwei Stunden auch anders entscheiden können? Ja natürlich sagt man im ersten Moment. Aber es ist nicht wirklich zu beantworten weil es bereits Vergangenheit ist. Schopenhauer hat das ausführlich diskutiert und festgestellt: "Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will". Im praktischen Leben spielt das wie gesagt keine Rolle, denn wir empfinden uns nicht als Wesen die sich nicht frei entscheiden können. 

Am wahrscheinlichsten ist, wir haben eine gewisse, partielle oder relative Willensfreiheit im Rahmen unserer persönlichen Bedingtheit. Diese besteht aus den Mechanismen der Psyche und des Gehirns die in uns ablaufen, und unseren gespeicherten Erfahrungen aus denen heraus wir Entscheidungen treffen. Vielleicht befinden sich ja das kreative Moment, der geniale Einfall oder die plötzliche Einsicht außerhalb dieser Mechanismen? Jedenfalls kommen sie anders zustande als eine Wahl oder eine überlegte Entscheidung. Sie tauchen blitzartig auf und sind nicht das Ergebnis von Aussuchen oder Reflexion. 

 

 






(11) Religion gibt es, weil es den Tod gibt. Was danach ist wissen wir nicht, nur das wir nicht mehr physisch existieren. Religion überbrückt das mit einem Jenseitsversprechen (ewiges Leben) das sich der Mensch selbst erhofft und herbeisehnt, um seine Ungewissheit und die damit verbundene Angst zu verdrängen. Man hofft auf eine Belohnung nach all den erlittenen Ungerechtigkeiten, das ist menschlich. Ferner macht man missverständlicherweise den Sinn des Lebens davon abhängig, ob etwas danach kommt. Jedenfalls verleitet die Vorstellung eines Himmels dazu. Trotzdem kann man die Frage stellen, ob ein Gott jemals ein solches Versprechen gegeben hat, denn ein authentisches Wort Gottes gibt es nicht. Heilige Schriften stammen von Menschen die nur glaubten von einem Gott inspiriert zu schreiben. Doch Menschen können sich irren, sich überschätzen, etwas für wahr halten was nur ihren Wünschen entspricht, oder Visionen haben. Ein allwissender Gott müsste doch wissen, dass ein Jenseitsversprechen die Menschen fehlleiten würde. Denn ihr Hauptmotiv wäre dann in den Himmel zu kommen anstatt gut zu sein um seiner selbst willen. Das verrät wieder die menschliche Herkunft eines religiösen Himmels. Man bedenke, ohne Belohnung in einem Jenseits wären Religionen nicht attraktiv. Und Belohnung und Strafe sind menschliche Kategorien. Würden sie von einem göttlichen Wesen stammen, müsste dieses unseren beschränkten Horizont teilen. 

Impressum:

Günther Dewindinat

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