Ungebundene Religiosität

von Guenther Dewindinat

 

 

Die Beeindruckbarkeit durch etwas Mystisches, das Staunen und fragende Suchen nachdem wer wir sind, ist der Anfang des Religiösen, des Philosophischen und der Kunst. In diesem Stadium sind sie noch nicht getrennt. Die Trennung kam erst, als das religiöse Empfinden zu einer bestimmten oder organisierten Religion wurde die sich, wie Ideologie, ein Hinterfragen verbot. Irgendwann hatte ich es satt mir Religiosität absprechen zu lassen, bloß weil ich den Gott der monotheistischen Religionen für eine menschliche Erfindung halte (Monotheistische Religionen sind Jüdische, Christentum und Islam). Denn nicht jeder, der sich zu keiner organisierten oder vorgegebenen Religion bekennt, ist deshalb areligiös. Er ist kein Anhänger einer bestimmten Religion, kann aber dennoch empathisch gegenüber anderen und empfänglich für die Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen sein. Ich verwende Religiosität im Sinne von Humanität oder Sensitivität. Man könnte natürlich auch Spiritualität sagen. Etikette wie Atheist oder ungläubig beinhalten Diffamierung und tragen nicht zum Verständnis der Fronten bei. Ich bevorzuge "nicht-gläubig" statt ungläubig, denn letzteres beinhaltet moralische Bewertung, die hier nicht hingehört. Atheismus (Welterklärung ohne Gott) hört sich nach Aufstand an, nach etwas das man nicht darf, obwohl sich Atheisten mit dem Thema Gott meist intensiver auseinandergesetzt haben als gewöhnliche Gläubige. Agnostiker ist milder und, weil weniger bekannt, nicht negativ besetzt. Für Agnostiker ist die Frage ob es einen Gott gibt oder nicht letztlich nicht zu klären, weil man das Göttliche nicht erkennen kann. Dem können auch viele Gläubige zustimmen, weil Glaube keine rationale Gewissheit braucht. Der Unterschied ist nur, sie wünschen sich einen Gott. Sie glauben sozusagen an den Glauben.

 



Zusammenfassung:

Atheisten lehnen alles Übernatürliche ( -sinnliche) ab, weil es nicht mit den Naturgesetzen vereinbar ist.

Agnostiker halten die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes für rational nicht erkennbar. Nicht dass sie sich nicht entscheiden könnten, das wäre eine schwache Haltung. Etwas für nicht erkennbar halten ist keine Unentschlossenheit, sondern eine philosophisch begründbare Position. Dabei spielt die Frage, was verstehe ich unter Gott eine entscheidende Rolle.

Eine Mischform von Atheismus und Agnostizismus geht aufgrund heutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse von einer größeren Wahrscheinlichkeit (Plausibilität) seiner Nicht-Existenz aus.

Aber sowohl Atheisten wie Agnostiker müssen nicht unbedingt areligiös sein.

 



Das wichtigste bei der Gottesfrage ist, was verstehe ich unter Gott? Derjenige der monotheistischen Religionen ist uns doch verblüffend ähnlich und entlarvt sich bei genauerem Hinsehen als aus unserer Denke entsprungen, als Projektion und  Ausdruck früherer Obrigkeitsgläubigkeit. Hier wird ein irdisches Herr-Knecht-Verhältnis auf einen Gott im Himmel übertragen, das seinem Wesen nach unfrei ist. Es ist vor allem Gehorsam und Unterwürfigkeit, nicht etwa Einsicht, das dieses Gottesbild transportiert. Einem Gott, der von den Menschen verlangt an ihn zu glauben, ihn zu verehren und zu lieben, müsste man einen Minderwertigkeitskomplex unterstellen. Ein Wesen mit solchen Abhängigkeiten wäre doch alles andere als vollkommen. Aber die schwerwiegendste Ungereimtheit bei diesem Gottesbild ist, dass der Erschaffer dieser Welt allwissend, allmächtig, allgütig und gerecht zugleich sein soll. Wäre er das, müsste er enorm krude sein, insbesondere im Hinblick auf Naturkatastrophen, Unfälle, Krankheiten, Kriminalität oder Armut. Dinge, die einem zustoßen, ohne dass man etwas dafür kann. Sollte er im Sinne von Strafe oder Rache den Menschen das angedeihen lassen, wie im Alten Testament, müsste man ihm vorwerfen, keine kluge Schöpfung hervorgebracht zu haben. Dem widerspricht nicht, dass dieser Gott für viele Menschen die Geborgenheit suchen zu wirken scheint, indem er beruhigt. Kein Problem, solange damit keine Ausschließlichkeit verbunden und kein Zwang auf Andersdenkende ausgeübt wird. Aber warum sollte Jemand nicht auch ohne diesen Gott oder heilige Schriften unterm Arm human sein können und einen gesunden Ausgleich zwischen einem Dasein für andere und den auch notwendigen Selbsterhaltungsinteressen finden? Einen Gott im Sinne einer kreativen Energie, die durch alles fließt, aus der alles kommt und in die alles zurückfließt, könnte ich mir vorstellen, aber hier tut sich eine Schwierigkeit auf. Ein Gott der das Weltall verkörpert, sozusagen in allem ist, stünde nicht für eine Ethik, wie wir sie uns vorstellen. Er wäre dann kein liebender Gott, sondern bloß Ursache und Wirkung. Vielleicht gerechter? Ähnliches sagt auch das indische Karma-Gesetz. Mit anderen Worten, gibt es einen vorbiologischen Ursache und Wirkungszusammenhang, der bestimmt, warum ich gerade in diese und nicht in eine andere Situation hineingeboren wurde (geografisch, genetisch, sozial)? Das wäre die Frage. Aber wenn das, was in einem früheren Leben verbrochen wurde, das Jetzige bestimmt, sieht das zunächst nach einer gerechten Bürde aus (sofern es überhaupt eine Verbindung zu einem Vorleben gibt), doch es beinhaltet auch eine enorme Problematik. Es wäre zutiefst anmaßend und zynisch jemand vorzuhalten, was ihm jetzt widerfahre, sei die Ernte eines (seines) früheren Lebens. Auch hier denke man an Unfälle, Naturkatastrophen, Armut, Krankheiten oder gar an den Holocaust. Auschwitz als Folge früherer kollektiver Untaten der Juden. Das ist besonders perfide, wurde aber tatsächlich von rechten esoterischen Kreisen vorgebracht. Das geht gar nicht. So gerecht Karma auf den ersten Blick erscheint, so problematisch ist es auf den zweiten.





Eigentlich sollte Religion ja für eine Verbrüderung der Menschen stehen, aber sie spaltet sich in verschiedene, miteinander konkurrierende Varianten auf, welche in sich das Potenzial für Konflikte tragen. Religion spaltet wenn sie ideologisch fixiert, also ausschließlich auftritt. Der Wahrheitsanspruch der einen schließt den der anderen aus. Es würde Gelassenheit statt Ausschließlichkeit eintreten, wenn erkannt würde, dass ihre Ansprüche inklusive heilige Schriften von Menschen gemacht sind. An der These, es ginge der Welt besser ohne organisierte Religion ist was dran. Religion wurde als Identifikationsmerkmal wie die Stammeszugehörigkeit genutzt. Wegen ihrer Eigenschaft Gruppen zusammenzuhalten hat sie überlebt. Gottesglaube, Stammeszugehörigkeit und Fremdenfeindlichkeit haben die gleichen Wurzeln. Sie entspringen dem Bedürfnis nach Abgrenzung und Unterscheidung, die Keimzelle des Nationalismus. Stammeszugehörigkeit inszeniert Feindbilder und neigt zum Krieg. Man suchte das zu rechtfertigen indem man Krieg und Krieger als heilig erklärt hat. Monarchen, Diktatoren, Autokraten und ihr Militär berufen sich fast immer auf Gott. Eine völlige andere Ethik ist das Bemühen um eine universelle Humanität ohne Bindung an eine bestimmte Religion oder Volkszugehörigkeit. Denn Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung, Demokratie und Toleranz sind keine per se Werte des Christentums, wie oft angenommen wird, sie stammen von der Aufklärung. Organisierte Religionen können kein echtes Interesse an Meinungsfreiheit haben, denn die bedeutet ja auch Religionsfreiheit oder gar die Freiheit von Religion. 





Fazit: Die Existenz der Götter der monotheistischen Religionen ist wegen ihrer Widersprüche und ihrer ersichtlichen menschlichen Projektion (Wunschvorstellung) für mich ausgeschlossen. Ob es unabhängig davon eine Art mystischen Urgrund gibt, der uns etwas bedeuten will oder uns gegenüber indifferent ist, lässt sich nicht mit ja oder nein beantworten. Nur insofern bin ich Agnostiker, nicht im offen lassen des obigen Gottesbegriffes.





Hinweis: Von den monotheistischen Religionen sind es Christentum und Islam, die sich schwer tun auf Alleinseligmachung (Ausschließlichkeit) zu verzichten. Die jüdische Religion nimmt hier eine Sonderstellung ein, weil sie nicht missioniert. Intern mag das Denken der Alleinseligmachung ebenso bestehen.





Ungebundene Religiosität dagegen ist kein Glaube an etwas bestimmtes, sondern eine Befindlichkeit, die Ahnung dass etwas Tieferes ist. Ihre Basis ist Sensitivität und das Ergriffensein von einem Zauber. Eigentlich bloß ein achtsames, forschendes offen sein. Eine Blume verliert nichts von ihrem Wundersamen, wenn man ihre Funktion und ihren Aufbau bis in die kleinste Zelle kennt. Ein anderes Beispiel dafür ist das Universum. Das Staunen über den unendlichen Raum. Dieses Unfassbare, das uns klein erscheinen lässt und trotzdem innerlich weitet. Es Gott zu nennen ist nur eine Möglichkeit aber nicht zwingend, und macht zudem auch nichts verständlicher. Ebenso beinhaltet Empathie ein Geheimnis, sofern sie frei von Absicht ist. Und die Kunst kann Zustände bewirken in denen wir direkter wahrnehmen als sonst. Auch der Entstehung des Lebens haftet etwas Geheimnisvolles an, auch wenn man sie durch Evolution erklärt. Man kann die Existenz von etwas Mystischem nicht pauschal ablehnen, denn es bleibt ein Geheimnis. Das Zugeständnis an einen Zauber oder etwas Geheimnisvolles ist eine Form von Ehrfurcht die nicht das Ergebnis einer vorgegebenen Religion sein muss.Albert Einstein, der nicht gottgläubig im jüdischen oder christlichen Sinne war, neigte ebenfalls zu einer Art ungebundenen Religiosität.

 




Glauben im Sinne von Annehmen oder Vermuten ist ganz normal. Vermuten ist auch ein vorläufiger Standpunkt in der Wissenschaft im Sinne einer Hypothese, obwohl es auch da manchmal Rechthaberei gibt. Auf der Ebene des Sokrates "Ich weiß, dass ich nichts weiß", sind die wenigsten von uns. Am allerwenigsten herkömmliche Religionen mit ihrer Ausschließlichkeit. Diese ist eine Vorstellungsfixierung und somit das gleiche wie eine Ideologie auf die man sich besessen beruft. Zwei Strenggläubige verschiedener Religionen (Vertreter der Ausschließlichkeit) können sich darin einigen strenggläubig zu sein. Weiter können sie nicht gehen ohne in inhaltliche Differenzen zu geraten. Könnten sie es, was wünschenswert wäre, wäre ihnen ihr Glaube nicht so wichtig. Und das ist der springende Punkt, er wäre austauschbar. Nämlich zu sagen, ich habe meinen Glauben und du hast deinen, und wir kommen beide zum gleichen Ziel, ist genau genommen eine Relativierung der Gültigkeit beider Glaubensinhalte. Hebt sich da nicht etwas gegenseitig auf? Der logische Schluss müsste dann lauten: Warum überhaupt an eine glauben? Käme es aufgrund einer solchen Einsicht zu einer Verbrüderung, hätte das zur Folge, dass beide ihre Glaubensfixierungen entweder ganz aufgeben oder zumindest teilweise zurücknehmen müssten. Teilweise zurücknehmen bedeutet in diesem Fall den anderen Glauben als ebenbürtig anzuerkennen. Ein Standpunkt der immer noch humaner ist als die Ausschließlichkeit, aber nicht leicht, weil der eigene Glaube relativiert werden muss. All das ist so schwierig weil Menschen sich aus anerzogenen, traditionellen Bahnen befreien müssten. Das gelingt nicht jedem und so bleiben die Fronten bestehen. Die tiefere Frage die sich hier auftut ist: Kann man religiös sein ohne Fixierung an einen Glauben, oder ist religiös sein an eine solche Fixierung gebunden? Ich denke nicht. Religiosität ist kein Synonym für eine Vorstellungsfixierung, diese würde sie nur begrenzen. Sie ist vielmehr ein offen sein für ein größeres Ganzes. Was die Menschen trennt ist ja gerade diese Gebundenheit an und auch Begrenztheit eines Glaubens. Sie ist der Feind von Verständnis und Verbrüderung. Wenn sich jemand von dieser Fessel befreien kann ist er der Humanität näher. Einer Ethik des gegenseitigen Achtens nach humanen Regeln ohne Beanspruchung einer Wahrheitsendgültigkeit.




Kommen wir nun zur Betrachtung zweier Schlüsselfiguren denen fundamentale Einsicht widerfahren ist, aber in völlig verschiedenen zeitlichen und kulturellen Umfeldern. Buddha und Jesus. Der Lehre Buddhas, die ja keinen Gott und keinen Glauben kennt, sondern lediglich rationale, doch tiefschürfende Weisheitslehre sein will, zumindest in ihrer Urform, ist ein  Anspruch auf Alleinseligmachung fremd. Ebenso die Schuldbeladenheit der monotheistischen Religionen. Sie bietet eine nüchterne Anleitung zum Leben an, die man ausprobieren oder sein lassen kann, ohne sich gegenüber einem imaginierten Gott verschulden zu müssen.





Buddha hat als erster erkannt, dass der Mensch nicht dadurch gut wird, dass er sich einer Religion oder einem Glauben verschreibt. Er empfiehlt: ...glaube nicht an Überlieferungen...glaube nicht an Geschriebenes, bloß weil es alt ist...glaube nichts auf bloße Autorität deiner Lehrer...was mit deiner Vernunft übereinstimmt und zum Wohle aller dient, das nehme an und lebe danach. Das ist eine klare Absage an bloßes Nachfolgen. Und er rät Hass mit Nichthass zu begegnen, weil Hass immer Hass erzeugen wird. Das lässt sich sogar empirisch überprüfen und kann gelernt werden. Man muss deswegen nicht Buddhist sein oder an Buddha glauben. Eben das wurde in Form des "Buddhismus" und in Anlehnung an das Bedürfnis der Volksfrömmigkeit im Laufe der Zeit daraus gemacht. Die Menschen machen aus Weisheitslehrern Objekte des Glaubens und der Verherrlichung und verfälschen damit deren ursprüngliche Intention. Das trifft wahrscheinlich auch auf Jesus zu, der sich selbst wohl nicht für göttlich, geschweige denn für Gottes Sohn hielt. Auch eine Menschwerdung Gottes durch seine Person war ihm sicherlich fremd. Das sind Zuschreibungen, die ihm von der späteren Kirche übergestülpt wurden. Zu seiner eigenen Botschaft gehört zwar Gott, aber noch nicht er selbst, sein Tod als Heilsgeschehen oder seine erlösende Wiederkehr. Seine Vergöttlichung beginnt erst mit dem Tod am Kreuz und der behaupteten Auferstehung danach. Von da an wurde aus dem Verkündiger der Verkündigte, wie der Theologe Rudolf Bultmann treffend sagt. Seine Nächstenliebe meint mehr oder weniger dasselbe wie Buddhas obiger Rat, doch unglücklicher formuliert. Denn das "Du sollst" schreckt viele, auch mich ab, weil  es sich um eine Maximalforderung in Befehlsform handelt, die so hochgehängt ist, dass ihr niemand völlig gerecht werden kann.  Auch die Evangelien kommen einer Nächstenliebe (geschweige denn Feindesliebe) nicht durchweg nach, vor allem wenn der Nächste ein Anders- oder Nichtgläubiger ist. Und Jesus selbst glaubte an ein hartes Gottesgericht. An ein nahe bevorstehendes Reich Gottes auf Erden, worin er sich offenbar geirrt hat, denn es kam nie. Zum Glück, kann man da nur sagen, denn das hätte eine furchtbare Gerichtsbarkeit bedeutet. "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden", lässt Markus seinen Jesus verkünden. Nur wenige sind auserwählt. Die Böcke werden von den Schafen getrennt, die ersten kommen in die Hölle (anscheinend für alle Ewigkeit), die anderen ins Himmelreich, sagt er bei Matthäus. Anders- und Nichtgläubige, was heute unter Meinungsfreiheit und Toleranz fallen würde, werden demnach für ewig gerächt. Was hier bestraft wird ist weniger moralisches Fehlverhalten gegenüber dem Mitmenschen als der Ungehorsam gegenüber einem vorgegebenen Gott, was schon im Alten Testament  die Hauptsache war. Aber auch ein sogenannter Heide (Anders- oder Nichtgläubiger) ist zum gut sein befähigt und hat keine Verdammung verdient. Ein rächender und verdammender Gott, der Gehorsam verlangt, ist kein brauchbares ethisches Vorbild. Was würde denn Verdammung und Errettung für heutige Gläubige mit Blick auf Nicht- oder Andersgläubige bedeuten? Ich denke Unsicherheit oder Verlegenheit statt Freude wäre die Antwort, weil sich keiner sicher sein kann wo er am Ende landet. Errettung wird zwar in Aussicht gestellt aber nicht garantiert. Auch der zutiefst Gläubige kann sich nie ganz sicher sein. Mönchische Einsiedelei und Askese um einer Errettung willen ist nur eine subtile Form von Egoismus und obendrein eine Flucht. Wer sich vor Bedrohungen der Welt zurückzieht, bewältigt nichts, er flüchtet nur. Er strebt nach Erfolg durch Errettung. Andere streben nach weltlichem Erfolg. Der gemeinsame Nenner ist das Streben nach Erfolg als Ausdruck des Ego. Ob Glaube oder Nichtglaube eine belohnende oder bestrafende Auswirkung in einem Jenseits haben ist eine bloße Annahme, die zum Teil auf Ängsten, zum Teil auf der Sehnsucht der Menschen nach einem Weiterleben nach dem Tod, einer überdauernden Seele, beruht. Das ist verständlich, denn wir können uns schwer damit abfinden einfach nicht mehr zu sein. Es ist in unserer Denke nicht vorgesehen. Doch tatsächlich stirbt mit dem Körper (muss mit ihm enden) auch mein körpergebundenes, sinnliches Bewusstsein, ohne das ich gar nichts empfinden kann. Die Annahme auch ohne Körper noch Freude und Leid empfinden zu können ist doch viel unwahrscheinlicher als nicht mehr zu existieren. Ewiges Leben in Glückseligkeit ist verständliches menschliches Wunschdenken, weil auf Erden nicht möglich. Aber wer erlebt denn diese ewige jenseitige Glückseligkeit, wenn es sie überhaupt gibt? Ein Bewusstsein, wie wir es kennen, kann es jedenfalls nicht mehr geben. Eine "körperlose" Seele mögen manche einer Nicht-Existenz vorziehen, weil vermeintlich noch etwas übrig bleibt. Aber als geistiges Wesen weiter zu bestehen, was die Religionen annehmen (Leben kann man es ja nicht nennen), wäre auch nicht wirklich attraktiv. Allerdings wäre man gegen eine herkömmliche Hölle gefeit, denn Geister sind nicht brennbar, um eine humoristische Einlage zu wagen. In der Natur ist Sterben einfach ein Aufhören um etwas neues entstehen zu lassen. Die organische Substanz kehrt wieder in den Kreislauf zurück. Ob es anhaltende Glückseligkeit zu Lebzeiten geben kann darf man natürlich fragen, doch unsere emotionale und mentale Beschaffenheit scheint dies nicht zu erlauben, außer es läge in unserer Möglichkeit diese zu verändern. Kann der Mensch sein Elend selbst reparieren ist die Frage die damit aufgeworfen wird, und vielleicht unbeantwortbar ist. Viele Mystiker und Weisheitslehrer aller Zeiten haben sich damit beschäftigt. Unter anderem auch Jesus auf den wir damit wieder zurückkommen. Er hat in seinen Gleichnissen und Geschichten hoch ethisches von sich gegeben. Da fragt man sich, wozu braucht er eigentlich noch diesen rächenden Gott, wenn er selbst schon weiter ist? Die Geschichte von der Ehebrecherin etwa, mein Favorit bei Jesus, ist ein echter Aufruf zur Menschlichkeit. Wer fehlerfrei ist, um das Wort Sünde zu vermeiden, der werfe den ersten Stein. Hier geht es um Vergeben können und Einfühlungsvermögen in das Geschick anderer. Das ist echte Humanität. Hier ist er frei von Verdammung und unverhältnismäßiger Strafe. An anderer Stelle, etwa in der Bergpredikt, wird man schon wieder für ewig verdammt, wenn man nur dem Bruder zürnt oder die Frau des anderen begehrlich anschaut. Das ist zwar sittlich nicht perfekt, aber sind die Androhungen dem relativ geringen Vergehen angemessen? Der Hinweis man darf diese Texte nicht wörtlich lesen trifft nicht den Punkt. Denn was soll man wörtlich nehmen und was nicht? Und was nicht eigens als Gleichnis oder Allegorie gekennzeichnet ist, muss man schließlich wörtlich nehmen, sonst hat man ein Verständnisproblem. Zudem ist nicht sicher, ob ein Jesus alles was ihm zugeschrieben wird wörtlich so gesagt hat. Denn die Evangelien sind Ergebnis mehrerer Überlieferungsschichten und zu einem gewissen Grad auch Glaubensbekenntnisse und (Eigen-) Kompositionen der Evangelisten. Das wird uns in den folgenden Abschnitten noch einmal beschäftigen.





Der einzig wertvolle Aspekt im Neuen Testament ist für mich die Vergebung gegenüber meinem Nächsten. Nicht durch einen Gott, denn was der mir vergibt, kann ich nicht wissen, geht mich eigentlich nichts an. Vergebung durch Gott ist ein Abstraktum. Vergeben können macht nur Sinn von Mensch zu Mensch. Obwohl Jesus dieses menschliche Vergeben etwa bei der Ehebrecherin praktiziert, was ihn barmherzig und sympathisch macht, hat sein Gott ein rächendes Endgericht im Visier, das auch er zu teilen scheint. Das Neue Testament besteht daher aus einem Mix aus harter Gerichtsbarkeit einerseits und Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten andererseits. Beides lässt sich bei Jesus finden. Inwieweit diese schwer zu vereinbarenden Gegensätze auf ihn selbst oder auf die Überlieferung über ihn zurückzuführen sind, ist nicht klar. Was der historische Jesus dachte und wollte ist, weil er selbst keine Zeile verfasst hat, nicht mehr zu wissen. Wir sind auf die Evangelien angewiesen, die ihn vielleicht absichtlich oder unabsichtlich falsch interpretiert haben. Und was mag die vorangegangene mündliche Überlieferungsschicht schon alles verdreht haben? Die zahlreichen Widersprüche in den Evangelien lassen es erahnen. Alles was das Neue Testament sagt ist das, was hinterher geglaubt wurde. Also nicht unbedingt das, was sich historisch ereignete. Wie historisch folgenschwer Aussagen sogenannter heiliger Schriften sein können lässt sich am Beispiel des jüdischen Volkes ersehen. Da sind zunächst die Aussagen des Paulus, der als erster sein Volk als Christusmörder beschimpfte, gleichzeitig aber lehrte, der Tod Jesu sei Gott gewollt, um die Sünden der Menschheit zu vergeben. Was kümmern mich meine Widersprüche kann man da nur sagen. Da ist die Darstellung des Juden Judas, der in die Weltgeschichte als Verräter aus niederen Beweggründen einging, und auch noch so heißt wie sein Volk. Schon hier wird er mit Geiz, Feilschen und Wucherei in Verbindung gebracht, spätere Hauptvorwürfe des Antisemitismus. Und dann die Stelle bei Matthäus, wo auf die Frage des Pilatus, wen er denn amnestieren soll, Jesus oder Barrabas, das Volk sich für Barrabas entscheidet und ausruft: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder".Eigentlich eine unverständliche, gegen sich selbst gerichtete Aussage, so sie denn überhaupt gefallen ist. Man trifft eine Entscheidung im Wissen dass sie Unheil über mehrere Generationen bringen wird? Der Masochismus lässt Grüßen! Viele heutige Bibelforscher halten den Ausspruch für unecht, für einen Einschub des Matthäus, auch weil er nur bei ihm steht. All diese Worte dienten als Beweis, dass die Juden Christusmörder waren und führten im Mittelalter zunächst zu einem christlichen Antijudaismus mit teils makaberen Anschuldigungen. Besonders die Figur des Judas war prägend für den Judenhass. Juden war es untersagt ein normales Handwerk zu betreiben, nur Bankgeschäfte überließ man ihnen, weil es Christen verboten war Zinsen zu nehmen, diese aber auch nicht darauf verzichten wollten. Das ist der wahre Grund für die Etikette des Feilschens und der Raffgier, und nicht weil Juden raffgieriger gewesen wären als andere. Eine Gruppe an der man die negativen Aspekte des Geldhandels abladen konnte war gefunden. Ein genereller europäischer Antisemitismus entstand und später der speziell rassistische der Nazis, der noch viel größeres Leid angerichtet hat. Der Antisemitismus indessen ist bis heute ein Problem, weil einige noch immer meinen zwischen Juden und Nicht-Juden unterscheiden zu müssen. Immer noch kursieren Verschwörungstheorien und werden Sündenböcke für gewisse Entwicklungen gesucht. Doch ohne die oben erwähnten Bibelstellen hätte ein Antisemitismus in diesem Ausmaß nicht entstehen können. Das wird gerne verdrängt, kann (darf) doch die heilige Schrift, die vielen als Gottes Wort gilt, nichts schlechtes enthalten oder bewirken. Aber die Bibel wurde von Menschen geschrieben und enthält auch manches Ungute.


 
 
Kommen wir zurück zu Jesus von dem nicht einmal klar ist für was er sich selbst gehalten hat. Vielleicht war er nur ein guter Mensch (anstatt Gottes Sohn) und hitzköpfiger Prediger, Mahner zur Umkehr, was ihn ehrt, den einige für einen gefährlichen Aufrührer hielten, wodurch er sein Leben verlor. Wenn man mal von allem Irrationalen absieht, sozusagen auf dem Boden der Realität bleibt, wurde er von den Römern, seinen Landsleuten oder von beiden angeklagt und umgebracht und nicht aufgrund eines göttlichen Plans. Weil die ersten Anhänger mit diesem plötzlichen und frühzeitigen Tod ihres Idols nichts anfangen konnten, musste ein höherer Sinn gefunden werden. Diesen fanden sie (insbesondere durch Paulus, der als der eigentliche Konstrukteur des Christentums gilt) indem sie seine Hinrichtung als von Gott gewollt umdeuteten, um die Sünden der Menschheit zu vergeben. Es ging darum ein irdisches Scheitern durch eine Auferstehung in einen jenseitigen Sieg umzuwandeln. Das Kunststück dabei war, dass Gott dennoch als barmherzig geglaubt werden konnte, weil die Opferung seines Sohnes ja der Erlösung der Menschheit geschuldet war. Man merkt diesem Konstrukt bis heute seine Geburt aus der Not an. Die Anhänger waren verzweifelt, mussten eine herbe Enttäuschung, ja fast Blamage ertragen und irgendwie ausgleichen. Nach diesem Konstrukt hätte es keinen Schuldigen am Tod Jesu gegeben. Ein Judas-Verrat wäre dann eigentlich überflüssig, dennoch könnte es ihn historisch gegeben haben, weil Menschen so sind wie sie sind, und Jesus durch Menschen zu Tode gekommen ist. Seltsam ist nur, dass ein Gott einen Verräter braucht für etwas das er sowieso vorhat, nur um diesen dann mit der schlimmsten Verdammung belegen zu können?  Sündenbockfestlegung ist ein Muster das die ganze Bibel durchzieht. Musste denn Jesus überhaupt verraten werden, kann man allerdings fragen? Schließlich zog er ja nicht nach Jerusalem um sich zu anonymisieren oder zu verstecken. Die Häscher hätten ihn als stadtbekannten Prediger doch auch selbst identifizieren und fassen können. Man sieht wenn man diese Texte mit Logik angeht ist man verloren. Ein Gott opfert seinen unschuldigen Sohn als Liebesakt an die Menschheit. Was für eine Widersinn! Warum sollte denn ein Allmächtiger ein grausames Blutopfer benötigen um vergeben zu können; kann er denn nicht einfach vergeben wie Jesus. Hier handelt es sich offenbar um eine Anleihe der Menschenopfer aus archaischen Religionen. Nach dem Motto, Götter brauchen von Zeit zu Zeit ein Blutopfer um besänftigt zu werden. Ein Gott, sollte es ihn denn geben, müsste sich das eigentlich verbitten, denn es würde ihm eine primitive Persönlichkeitsstruktur unterstellen. Wären wir nicht über Jahrhunderte an diese Erzählung gewöhnt, würden wir sie sofort abscheulich finden und in den Bereich des Aberglaubens verorten.




Gibt es einen freien Willen? Je tiefer man in diese Frage eindringt, desto schwieriger wird sie. Schon deshalb, weil nicht klar ist, von was ein freier Wille eigentlich frei sein soll. Was wir im Alltagsleben unter freiem Willen verstehen, ist gefühlte Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Sie wird als ausreichend wahrgenommen, was sie in gewissem Sinne auch ist. Doch das Thema ist komplexer. Man kann fragen, hätte ich mich zum selben Zeitpunkt unter denselben Bedingungen auch anders entscheiden können als ich es tatsächlich getan habe? Im ersten Moment sagt man ja. Es lässt sich aber nicht wirklich beantworten, weil es bereits Vergangenheit ist. Schopenhauer hat das ausführlich diskutiert, gipfelnd in seiner Feststellung: Man kann zwar tun was man will, aber nicht wollen was man will. Ich denke wir haben eine gewisse, oder relative Willensfreiheit. Gäbe es auch sie nicht wäre es schwierig bis unmöglich eine Schuldfähigkeit zu begründen. Eine absolute Willensfreiheit dagegen ist schwer vorstellbar, solange nicht genau definiert ist, was diese Freiheit eigentlich meint. Oder anders ausgedrückt, wie kann ich wissen ob meine Entscheidungsfindung von etwas frei ist und von was? Ich kann sie meine eigene nennen, aber das ist auch alles, was ich darüber wissen kann. Schon der Begriff Wille verträgt sich schwer mit Freiheit, denn er beinhaltet auf den Punkt gebrachtes Begehren, Wollen, und das kann per se nicht frei sein. In der westlichen Welt wird Wille gern überhöht, beinahe als heilig angesehen. In der östlichen Philosophie dagegen wird er als das angesehen, was er eigentlich ist: intensiviertes Begehren. Ich denke die Frage der Willensfreiheit hängt in erster Linie davon ab, welche Rolle unser Ich, dessen impulsiver Ausdruck ja der Wille ist, dabei spielt. Denn was trifft denn in mir Entscheidungen, wenn nicht mein Ich. Und ist dieses Ich neutral oder unparteiisch? Wohl kaum, denn es besteht aus einer Fülle von Faktoren die mich determinieren: Herkunft, Erziehung, Erinnerungen, Ängste, Kränkungen usw. Nun ist zwar auch die Existenz dieses Ichs umstritten, was wiederum davon abhängt, was man darunter versteht. Doch niemand wird leugnen können, dass es in jedem von uns ein Reservoir gibt, wo unsere persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse gespeichert sind, aus denen heraus wir reagieren und die unsere Entscheidungen (Willen) filtern. Ich ist hier nur als physischer Speicherort im Gehirn gemeint und nicht als immerwährende, unveränderliche Instanz losgelöst vom Körper. Daher kann Wille nur im Rahmen unserer persönlichen Bedingtheit frei sein.




Darüber hinaus gibt es auch das Aha-Erlebnis, die spontane Einsicht, die jeder kreativ Schaffende kennt. Und die Möglichkeit sich durch Einsicht zu verändern oder Neuland zu betreten. In solchen Situationen scheinen wir unser Ich für einen Moment vergessen zu haben.




Religion funktioniert über ein Jenseitsversprechen, das auf die Ängste der Menschen setzt, weil es niemand überprüfen kann. Ob es einen Gott gibt der so etwas verkündet hat, weiß niemand. Ein authentisches Wort Gottes existiert nicht. Heilige Schriften stammen von Menschen, die nur geglaubt haben, es von einem Gott oder dessen Übermittler (Engel) empfangen zu haben. Doch Menschen können sich irren, sich überschätzen, etwas als wahr ausgeben was nur ihren Wünschen entspricht, oder Halluzinationen ausgeliefert sein. Aber ein allwissender Gott müsste wissen, dass solche Ankündigungen die Menschen fehlleiten. Denn ihr Hauptmotiv wäre dann in den Himmel zu kommen und nicht das Gutsein an sich, das keine Absicht haben darf. Das verrät wieder die menschliche Herkunft eines religiösen Himmels. Man bedenke, ohne Belohnungsversprechen (ewiges Leben) wären Religionen nicht attraktiv. Und Belohnung und Strafe sind menschliche Kategorien. Würden sie von einem göttlichen Wesen stammen, müsste dieses unseren beschränkten Horizont teilen.




Für die Verbrüderung der Weilt bleibt nur die Hoffnung auf genügend Menschen die, ohne sich mit einer Ideologie identifizieren zu müssen, einfach human sein können im Sinne von gegenseitiger Achtung und Vorurteilslosigkeit. Glauben an frühere Religionsstifter und deren Texte hilft nicht weiter. Ethik muss in einem selbst aufgehen. Die Religiosität an sich ist nicht das Problem, sondern die Identifikation mit einer vorgegebenen Religion. 
 
 
 
 
Könnte auch interessieren! 

 

Überschrift 1